In La mer à l’envers (2019; dt. Das Meer von unten, 2024) von Marie Darrieussecq treffen zwei Figuren aufeinander, deren Lebenswege kaum gegensätzlicher sein könnten: Rose, eine Pariser Psychologin in den Vierzigern, und Younès, ein jugendlicher Geflüchteter aus Niger. Ihre Begegnung ereignet sich eines Nachts auf dem Mittelmeer, irgendwo zwischen Italien und Libyen. Rose, die sich in einer persönlichen Krise befindet und Abstand von ihrem Alltag sucht, hat sich mit ihren Kindern auf eine Kreuzfahrt begeben. Auf hoher See wird sie Zeugin einer Rettungsaktion, bei der die Crew des Kreuzfahrtschiffs schiffbrüchige Geflüchtete an Bord nimmt.
Der geplante Gastvortrag rückt diese Begegnung der beiden Protagonistinnen in den Mittelpunkt und liest sie vor dem Hintergrund des Konzepts der „Postmigration“. Der Begriff entstand Anfang der 2010er Jahre im Kontext der Berliner Kunst- und Kulturszene, wo er sich als subversiver und antirassistischer Ansatz etablierte, der traditionelle Identitäts- und Kategorisierungsmodelle hinterfragt (vgl. Langhoff 2011). In der aktuellen wissenschaftlichen Debatte fungiert der Begriff als analytische Perspektive, „die sich mit gesellschaftlichen Konflikten, Narrativen, Identitätspolitiken sowie sozialen und politischen Transformationen auseinandersetzt, die nach erfolgter Migration einsetzen, und die über die gesellschaftlich etablierte Trennlinie zwischen MigrantInnen und NichtmigrantInnen hinaus Gesellschaftsbezüge neu erforscht“ (Foroutan 2018, S. 18). Das Postmigrantische stellt damit gängige Differenzlogiken infrage und versteht sich zugleich als politische Perspektive, die subversive und mitunter auch ironische Praktiken einschließt und auf hegemoniale Verhältnisse einwirkt.
Die Analyse von La mer à l’envers greift diese Perspektive auf. Es handelt sich um einen Migrationsroman, verfasst von einer Autorin ohne eigene Migrationserfahrung und erzählt aus der personalen Perspektive einer Protagonistin, die zugleich autobiografische Züge der Autorin trägt. Parallel dazu wird Younès’ weiterer Fluchtweg verfolgt, der ihn bis nach Calais führt. Ein besonderer Fokus des Vortrags liegt dabei auf dem Aufeinandertreffen von Rose und Younès sowie auf der erzähltechnischen Gestaltung dieser Begegnung. Zentral ist hierfür die Frage, welche topologische Funktion das Mittelmeer in Marie Darrieussecqs „postmigrantischer Ästhetik“ einnimmt.