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Fragile Idyllen: Öko-Ästhetiken des Mediterranen

International Conference at the University of Graz (November, 3.-5.11.2022)

 

CFP

Fragile Idyllen: Öko-Ästhetiken des Mediterranen  

 

Im Sommer 2021 sorgte ein Bericht des Internationalen Klimarates IPCC für Aufsehen, welcher über die drastischen Auswirkungen des voranschreitenden Klimawandels im und auf den Mittelmeerraum berichtete. Laut den firmierenden Expert:innen droht dieser zu einem veritablen „Hot Spot“[1] der Erderwärmung zu avancieren. Schon heute steigen die Temperaturen schneller als andernorts an; Wasserknappheit, Dürren, Waldbrände sowie Veränderungen der Meeresströmungen gefährden bereits jetzt massiv die mediterrane Artenvielfalt; gravierende wirtschaftliche und gesundheitliche Probleme machen sich bemerkbar, in deren Folge zahlreiche Menschen zur Migration gezwungen sind. Das einst strahlende Bild der Mittelmeerregionen verdunkelt sich zusehends, auch wenn sie vorerst noch Sehnsuchtsort für Reisende und Touristenmagnet bleiben.

 

So besehen nimmt es nicht wunder, dass in jüngerer Vergangenheit die bedrohte, von Menschenhand zugerichtete Natur ins Blickfeld medialer und ästhetischer Repräsentationen des Mittelmeerraumes rückt. In Graphic Novels, Filmen und Serien, in der Literatur, im Theater und anderen künstlerischen Ausdrucksformen werden die ökologischen Verwerfungen reflektiert, ihre Ursachen aufgedeckt und denunziert sowie denkbare und bedenkliche Folgen in die Zukunft projiziert. Beispielhaft genannt seien hier nur das Graphic Novel La terra dei figli (2016) von Gipi oder Maria Rosa Cutrufellis Climate Fiction L’isola dei madri (2020), in denen Klimawandel, Gentechnik und Umweltverschmutzung die uns bekannte Welt in ihren Grundfesten erschüttern.

 

Bemerkenswert und für die Tagung von großer Relevanz ist dabei der potentielle Konflikt zwischen dem rezenten Umweltfokus und der traditionellen mediterranen Epistemologie und Diskursgeschichte, die sich mit Namen wie Albert Camus oder Fernand Braudel verbindet. Für Camus, und nicht nur für ihn, besaßen die Kulturen und die Natur des Mittelmeers einen zutiefst humanen Charakter. Das ‚südliche Denken‘ kennzeichnet laut Camus eine in der Natur und ihrem Licht wurzelnde, durch Solidarität und Maß charakterisierte Rationalität. Noch heute beziehen sich Theoretiker wie der italienische Philosoph Franco Cassano auf diesen Vorstellungskomplex . Doch gerade in der modernen Welt scheint sich abzuzeichnen, dass die Menschheit, die mediterrane eingeschlossen, jedes Maß verloren hat. Und: Liegt nicht gerade in der Betonung der Humanität des Mittelmeers eventuell ein Vergessen dessen beschlossen, was uns Menschen mit den anderen Spezies und mit der Umwelt in einem weiten Sinn verbindet? Steht die verklärte Sicht auf das Mittelmeer also in einem Widerspruch zur Ausbeutung der Natur, der Tiere und nicht zuletzt auch der Menschen? Oder ist es umgekehrt so, dass sich die Utopie des Mediterranen  noch einmal aktualisieren lässt, um Auswege aus der gegenwärtigen Krise zu denken?

 

Indem wir solche Fragen stellen, nehmen wir ebenso auf Entwicklungen in der internationalen ökokritischen Theoriebildung Bezug wie auf die moderen Mittelmeerforschung. Prominente Vertreter:innen des ecocriticism ( Cheryll Glotfelty, Timothy Clark, Serenella Iovino, Iain Chambers) und des ökokritischen Feminismus (Vandana Shiva, Maria Mies, Karen J. Warren und viele andere mehr) berufen sich in ihren Studien häufig auf den Mittelmeerraum. Und umgekehrt thematisieren prominente Mittelmeerforscher wie D. Abulafia, M. Herzfeld, R. King immer wieder die ökologischen Probleme der Region. Vor diesem Hintergrund befragt die geplante Tagung die vielfältigen Repräsentationen der fragilen mediterranen Ökosysteme und deren Ästhetiken. Die Tagungssprachen sind das Französische, das Italienische und das Spanische, aber auch Beiträge in deutscher Sprache sind willkommen. Durch diese Vielfalt von Sprachen soll ein möglichst großer Kreis von Personen aus dem Mittelmeerraum an unserem Gespräch teilnehmen können.

 

(1) Ökokritische Perspektive und mediterrane Diskursgeschichte

 

Wie jede Krise, so bringt auch die gegenwärtige Klima- und Umweltkrise etwas ans Licht, was zuvor im Verborgenen schwelte: Unser Naturverhältnis erweist sich nicht erst seit wenigen Jahrzehnten als eine Art kolonialer Herrschaft, vielmehr sind es Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende der Kolonisierung, Kapitalisierung und Extraktion, die ihre Spuren in der mediterranen Natur hinterlassen haben. Die aktuelle Aufmerksamkeit, die Medien, Kultur und Politik  dem Thema widmen und die unter anderem in engagierten, teils plakativen Genres wie der Climate Fiction widerhallt, sollte deshalb nicht verdecken, dass vom  ecocriticism inspirierte Lesarten unserer Kultur und Geschichte in der Lage sind, auch weniger offensichtliche Zusammenhänge zwischen Mensch, Tier und Natur auszuleuchten. Ohne theoretische Scheuklappen enthüllt eine diesbezügliche Sensibilität das auf die Umwelt bezogene gesellschaftliche Imaginäre und erlaubt, es sowohl auf seine Entstehung zurückzuverfolgen als auch gegenwartsbezogen kritisch zu befragen.

 

(2) Historische Perspektive

 

Die ökokritische Perspektive regt dazu an, sowohl Repräsentationen der jüngsten Umwelt- und Klimakrise zu analysieren als auch die Zeugnisse der Vergangenheit zu befragen. Ungeachtet des gerade einmal 150 Jahre alten Terminus – Ernst Häckel führt ihn 1866 in die Wissenschaftssprache ein[2] – hat das Ökologische eine lange Vorgeschichte. Was den Mittelmeerraum angeht, so finden sich schon in den ersten überlieferten Quellen Einblicke in die aufeinander verwiesene Koexistenz von Mensch, Tier und Landschaft. Doch handelt es sich dabei keineswegs um stumme Zeugen einer fernen Vergangenheit. Vielmehr prägten die antiken Kulturen des Mittelmeeres unser Denken bis heute: Die monotheistischen Religionen, die Wissenschaften, die Künste und die Philosophie, auf die sich Europa bis heute beruft, haben im Nahen Osten, in Griechenland und Italien ihren Ursprung. Die historischen Entwicklungen des mediterranen Umweltverständnisses von der Antike bis in die Gegenwart hinein sollen somit einen wesentlichen Fokus unseres wissenschaftlichen Austausches bilden.

 

(3) Ästhetische Perspektive

 

Das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt impliziert und adressiert in vielfältiger Weise die Dimension des Ästhetischen. So übt die Schönheit der mediterranen Natur von jeher eine große Faszination auf Besucher:innen aus aller Welt aus und brachte ein Archiv topischer Vorstellungsbilder und Beschreibungsparameter hervor – man denke nur an Goethes Gedicht Mignon, dessen bekannte Verse „Kennst du das Land, wo die Zitronen blühen“ die Italien- und damit Mittelmeersehnsucht vieler Reisender aus dem Norden zum Ausdruck bringen. Das Mediterrane wird darin zum Inbegriff des Naturschönen, dessen Anschauung dem menschlichen Subjekt ästhetischen Genuss bereitet. Dennoch ist die Stilisierung zur betörenden oder auch erhabenen Landschaft nur eine historische Möglichkeit der Ästhetisierung des Mittelmeerraums. Darüber hinaus offenbart ein Durchgang durch die Repräsentationen der mediterranen Natur eine Reihe andersgearteter Inszenierungen: Nicht wenige Darstellungen zeigen demnach den Alltag von Menschen, die im Ökosystem Mittelmeer handeln und sich im stetigen Umgang mit den Elementen der Natur befinden; darunter z.B. Hirten oder auch Fischer, die das Meer nicht etwa als ästhetische Wahrnehmungssubjekte erfahren,  sondern in und mit ihm verbunden (inter-)agieren. Auch die Zerstörungskraft des Vulkanismus oder der Zusammenhang zwischen Migrationsbewegungen und Umweltzerstörung erweisen sich als rekurrente Sujets mediterraner Naturschilderung. Von sinnlichem Landschaftsgenuss kann dabei keine Rede mehr sein; vielmehr gewährt die ästhetische Aneignung in solchen Fällen allererst Einsicht in Funktionsweise und Verwundbarkeit eines Ökosystems, dem der Mensch als Teil – nicht mehr und nicht weniger – angehört.      

 

Mögliche Beiträge könnten sich dabei unter anderem folgenden Fragestellungen und Problematisierungsachsen widmen:

 

  • konnektive Spezifika der mediterranen Natur(en);
  • Historizität mittelmeerischer Landschaften;
  • ökokritische Relektüren bzw. Revisionen kanonischer Mittelmeer-Imaginarien;
  • dystopische vs. utopische Szenarien der mediterranen Natur;
  • Spezifika der Topographien/Vegetationen und damit einhergehende Formen der Vergesellschaftung;
  • Transformationen im Angesicht des Klimawandels;
  • Signifikanz der Küstenlandschaften, Hafenmetropolen und mediterranen Gebirgszüge;
  • agrarische Traditionen und Modernisierungen (z.B. Fischfang);
  • (prekäre vs. gelingende) Interaktionen zwischen Mensch, Tier und Pflanzenwelt;
  • maritime Lebensräume und ihre Bedrohung;
  • ökologische Neuordnung(en) des Mittelmeerraums;
  • Dramen menschlicher und tierlicher Migration (z.B. Viehtransporte) und landschaftliche Auswirkungen;
  • touristische Attraktivität und Überforderung;
  • (neo-)koloniale Szenarien der Ausbeutung und Kapitalisierung;
  • mediale, ästhetische und gattungsspezifische Figurationen der Mittelmeerregionen;
  • kanonische vs. innovative Vermittlungs-/Vertextungsweisen mediterraner Umwelten;
  • Differentialität und Sensibilität des mediterranen Naturschönen;
  • perzeptuelle und affektive Strategien in Mittelmeerdarstellungen;
  • politische Signaturen der mediterranen Natur(en): transnationale Relationalität vs. alte und neue Nationalismen;
  • Landschaft und Medialität (Kommunikations- und Transportmedien);
  • Theoriediskussionen – von idealistischen/utopischen Mittelmeerphilosophien oder Annales-Historiographie bis zu den area studies, zum ecocriticism oder zur actor-network-theory;
  • etc.

 

 

Forschende aller geisteswissenschaftlicher Disziplinen sind herzlich eingeladen, Themenvorschläge zu den verhandelten Aspekten sowie darüber hinaus einzusenden und mit uns über Partikularitäten der historisch prägenden, ästhetisch unvermindert eindrucksvollen und ökologisch vielfach brisanten Landschaften des Mediterranen zu diskutieren.

 

Bitte lassen Sie uns bis zum 15. Mai 2022 einen Arbeitstitel und einen knappen Abstract zu Ihrem Vorschlag zukommen.

 

 

 

 

 

[1]

Cf. “AR6 Climate Change 2021:The Physical Science Basis”, URL: www.ipcc.ch/report/ar6/wg1/.

[2] „Unter Oecologie verstehen wir die gesammte Wissenschaft von den Beziehungen des Organismus zur umgebenden Aussenwelt, wohin wir im weiteren Sinne alle ‚Existenz-Bedingungen‘ rechnen können.“ (Ernst Häckel: Generelle Morphologie der Organismen. Allgemeine Grundzüge der organischen Formen-Wissenschaft, mechanisch begründet durch die von Charles Darwin reformierte Deszendenz-Theorie, Bd. 2, Berlin 1866, 286).

 

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